Das World Press Photo Festival in Amsterdam

Am 12. April wurden in Amsterdam zum 61. Mal die weltbesten Pressefotos des Jahres prämiert. In den darauffolgenden Tagen erzählten die Fotografen auf dem World Press Photo Festival von den Geschichten hinter ihren Bildern. Mitarbeiterin Lisa Knoll war für Mediavanti vor Ort und hat Vorträge und Diskussionen besucht.

Im ersten Panel, das ich besuche, berichten der Australier Patrick Brown, der Burmese Minyazar Oo und der Kanadier Kevin Frayer von den Rohingya im Grenzgebiet Myanmars; von Menschen auf der Flucht. Zum Schutz der Fotografen und ihrer Arbeit sind während der gesamten Diskussionsrunde Fotos, Video- und Tonaufnahmen untersagt. Man schreibe Pressefreiheit hier zwar groß, so die Moderatorin der Diskussion, aber dazu gehöre eben auch, die Fotografen und ihre Arbeit zu schützen, wenn es um ein so heikles, politisch immens aufgeladenes Thema wie die Rohingya-Krise geht. Kevin Frayers Schwarzweißfotos aus dem Balukhali Flüchtlingscamp in Bangladesch hatten mich schon vor diesem Vortrag eiskalt erwischt.

Es ist die eine Sache, schockiert vor einer Fotoreihe zu stehen. Den Fotografen dieser Bilder aber mit Tränen in den Augen von seiner Arbeit erzählen zu hören, ist eine gänzlich andere, auf die ich in diesem Ausmaß nicht vorbereitet war.

„Ich habe niemals zuvor eine so große Traurigkeit gesehen“, sagt Kevin. „Ich habe versucht, auch dort ein kleines Fünkchen Schönheit zu sehen. Den Regenbogen nach einem Monsunregen, die sattgrünen Reisfelder. Aber ich konnte es nicht, denn es war einfach keine Schönheit mehr übrig.“

„Warum erzählen wir so viele Geschichten, die uns auseinandertreiben? Können wir nicht auch Geschichten von Hoffnung erzählen? Geschichten, die uns wieder näher zusammenbringen?“

Ami Vitale, Naturfotografin

Es sind wahrlich keine schönen Geschichten, von denen die meisten in Amsterdam ausgezeichneten Fotos erzählen. Und doch erlebe ich, als ich von einem Vortrag zum nächsten gehe, neben all den düsteren und grausamen Seiten der Pressefotografie auch Hoffnung. Bereits zum fünften Mal wurde Ami Vitale in diesem Jahr von der World Press Photo Foundation ausgezeichnet. Früher war sie in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs, um Kriege und Katastrophen zu dokumentieren.

„Doch eines Tages“, berichtet Ami, „wachte ich morgens auf und fragte mich: Warum erzählen wir so viele Geschichten, die uns auseinandertreiben? Können wir nicht auch Geschichten von Hoffnung erzählen? Geschichten, die uns wieder näher zusammenbringen?“ Im vergangenen Jahr war Ami in einem Elefantenwaisenhaus in Kenia. Das Besondere: Das Reteti Sanctuary im Norden des Landes wurde von den Samburu ins Leben gerufen. Die Männer dieses Stamms hatten bis vor kurzem Angst vor den Tieren, sahen sie aufgrund ihrer Kraft und Größe als Gefahr, die es zu bekämpfen galt. Wilderei und Elfenbeinhandel standen sie gleichgültig gegenüber.

Jetzt wissen sie aber um den Sanftmut der Elefanten, und haben erkannt, welche wichtige Rolle sie für das Ökosystem spielen. Die Samburu haben deshalb eine Kehrtwende gemacht. Mittlerweile beschützen sie die Elefanten. Für Ami ein klares Zeichen, dass es noch Hoffnung in den Köpfen derer gibt, die etwas ändern können, denn: „Um ein so allumfassendes Problem wie die Wilderei bekämpfen zu können, muss man direkt in den lokalen Gemeinschaften ansetzen. Erst dann kann sich auch in der Regierung eines Landes etwas bewegen.“

Und auch eine andere Fotografin erzählt an diesem Wochenende eine Geschichte der Hoffnung. Anna Boyiazis hat das Panje Project in Tansania begleitet. Hier lernen Frauen schwimmen. Was in Deutschland selbstverständlich ist, war in dem muslimischen Land bis vor kurzem eine kaum überwindbare Hürde. Die Initiatoren des Panje Project haben Badebekleidung entwickelt, die den ganzen Körper verhüllt und den Frauen so ermöglicht, das Schwimmen zu lernen – ohne entgegen ihres Glaubens zu handeln. Das Projekt ist sehr erfolgreich – nicht zuletzt, weil die Frauen in Sansibar so ein großes Gemeinschaftsgefühl haben. „Bringe einem Mann das Schwimmen bei, und er wird schwimmen. Bringe einer Frau das Schwimmen bei, und sie wird es an ihre Gemeinschaft weitergeben, bis auch die letzte Frau sich über Wasser halten kann“, sagt Anna, und erntet damit Standing Ovations in einem voll besetzten Theatersaal.

Es sind Momente wie diese, die das World Press Photo Festival zu etwas ganz Besonderem machen. Das Schöne und das Schreckliche dieser Welt liegen dicht beieinander, und es bedarf couragierter und unzensierter Pressefotografie, um all diese Aspekte des Weltgeschehens einzufangen.

Ab dem 16. Februar 2019 werden im Oldenburger Schloss all die Bilder zu sehen sein, die in Amsterdam die Gäste berührten, zum Lachen brachten und in Atem hielten. Ich freue mich schon jetzt drauf.